Go West

Zwei Wochen nach dem Besuch bei den Schwiegereltern folgte also der Trip zu Oma und Opa Planlos, sprich meinen Eltern. Statt wie zuletzt häufig den Mietwagen, nahmen wir diesmal den Zug. Davon erhofften wir uns eine möglichst entspannte Reise. Doch die Bahn wäre nicht die Bahn, wäre nicht einiges schief gegangen.

Für den Weg zum Hauptbahnhof hatten wir einen großzügigen Zeitpuffer eingeplant. Den hätte es eigentlich nicht gebraucht, denn wir waren schließlich 40 Minuten vor Abfahrt da. So konnten wir noch ganz in Ruhe der goldenen Möwe einen Besuch abstatten und in einem der unzähligen Shops ein kleines Hauptstadt-Souvenir für unseren Neffen besorgen, der zwei Wochen zuvor seinen zweiten Geburtstag hatte. Trotzdem waren wir noch knappe 10 Minuten vor dem Zug am Gleis. Auf dem Bahnsteig wurde dann allerdings sofort klar, dass die Sitzplatz-Reservierung eine top Entscheidung war.

Es war brechend voll. Wie wir im Stau auf dem Gang im Waggon erfuhren, war wohl der vorherige Zug ausgefallen. Das ist natürlich immer Mist. Auf dieser stark frequentierten Ost-West-Verbindung zwischen Berlin und Amsterdam umso mehr und erst recht an einem Freitag Nachmittag.

Nach 15 Minuten hatten wir uns zu unserem 4er-Tisch durch gekämpft. Kurz darauf bemerkten wir, dass der Zug inzwischen wieder zum Stehen gekommen war. Noch bevor wir Spandau erreicht hatten. Ein Schaden am voraus fahrenden Zug brachte uns gleich mal 20 Minuten Verspätung ein. Danach wurde es glücklicherweise dann doch etwas ruhiger.

geschmeidig bleiben

Trotz des mangelnden Angebots freier Plätze, waren die meisten Mitreisenden ziemlich entspannt. Wir boten einem Physik-Professor aus Oldenburg einen unserer 4 Plätze an. Er entpuppte sich als sehr angenehmer Gesprächspartner und unterhielt sich bis Hannover angeregt mit einem Business-Kasper (seinem Auftreten und seiner Art nach zu urteilen war er entweder Berater oder Banker) aus der niedersächsischen Landeshauptstadt. Die beiden hatten unterschiedlichste, teilweise interessante Gesprächsthemen und erfreuten sich parallel auch an der Bespaßung durch Baby Planlos. In ihrer typischen Art grinste sie alle Fremden um sie herum ständig an und war auch allein deshalb eine kleine Attraktion, weil wir sie auf ihrer Decke liegend auf dem Tisch platziert hatten, von wo aus ihre Spielereien für alle Umsitzenden gute Unterhaltung boten.

Einzig eine unfreundliche Vielfahrerin unterbrach kurz die entspannte Atmosphäre, als sie barsch den Sitzplatz an unserem Tisch einforderte, den kurz zuvor der Professor wegen seines Umstiegs frei gemacht hatte. Sie meinte sich im Recht, als wir ihr darlegten, dass wir alle 4 Plätze an dem Tisch reserviert hatten und sie dies als nichtig abtun wollte. Die Schaffnerin nahm ihr bei ihrem nächsten Ticket-Kontroll-Gang dann den Wind aus den Segeln und bestätigte (wohlgemerkt auf Nachfrage der Pendlerin!) unsere Reservierung, woraufhin die junge Dame fortan schmollend und schweigend neben uns saß. Wir hatten ihr bereits zuvor gesagt, dass sie sitzen bleiben kann. War wohl etwas auf Krawall gebürstet, die gute Frau.

Wir ließen uns nicht reizen und kamen letztlich doch tatsächlich noch beinahe pünktlich an meinem heimatlichen Bahnhof in der Provinz an. Der Weg zum Haus meiner Eltern war dann wie erwartet laut, weil die Kleine Autofahrten noch immer nicht mag. Zudem war für sie längst Schlafenszeit und sie entsprechend etwas überdreht. Dadurch klingelten der Oma gleich mal die Ohren und sie bekam direkt zu Beginn einen Eindruck von unseren letzten Fahrten. Auch schön.

Einmal angekommen gab es noch schnell den Abendbrei und dann gings direkt ins Bett für das Würmchen. Wobei auch hier der Begriff „Bett“ nur mit Vorsicht zu verwenden ist. Mutter und Kind schliefen nämlich wie schon bei den anderen Großeltern auf einem Klappsofa mit sehr hohem Härtegrad. Immerhin hatten sie hier etwas mehr Platz, da ich 2 Meter weiter auf einer separaten Matratze lag. Die ungewohnte Umgebung führte aber dazu, dass das Baby abermals nur sehr schlecht schlief und uns dadurch ebenfalls erfolgreich von der Nachtruhe abhielt (mich weniger, die Frau mehr, wie zu Hause auch).

Bevor Mama Planlos und ich ebenfalls das Nachtquartier aufsuchten, gab es auch für uns noch etwas zu essen. Die Frau bekam Soja-Nuggets mit Salat. Ich hingegen konnte mich an einer großen Pfanne Stippgrütze bedienen. Die Küche im Hotel Oma beschränkt sich zwar häufig auf bekannte Klassiker aus meiner Kindheit, was aber bei solchen Delikatessen nicht weiter schlimm ist und durch die Routine auch eine gleichbleibend hohe Qualität sicherstellt. Meine Empfehlung an die Küchen-Chefin 😉

volles Programm

Der Samstag sah einmal mehr einen vollen Terminkalender für uns vor. Nach dem Frühstück war zunächst etwas Zeit für Baby Planlos, sich mit ihrem Cousin anzufreunden. Noch an Weihnachten war er sehr eifersüchtig auf unseren Mini-Mensch, besonders wenn sie bei ihrer Tante (also seiner Mama) auf dem Schoß/Arm war. Auch sein Spielzeug teilen mochte er überhaupt nicht. Doch gut zwei Monate später hatte sich das Blatt gewendet. Es gab diverse Streicheleinheiten für das Baby und er überließ ihr sogar sein Lieblings-Plüschtier! Ein echter Gentleman. Aber das war bei dem Onkel auch kaum anders zu erwarten…

Gegen Mittag machten wir uns dann auf zu Freunden, die ebenfalls Teil der letztjährigen Baby-Epidemie waren. Ihr kleines Kerlchen kam zwei Wochen nach Baby Planlos auf die Welt. Und auch sie wohnen mittlerweile im Eigenheim, allerdings schon seit über einem Jahr. Zudem ist das ein richtiges Haus (Fachausdruck „Stadtvilla„) mit viel Platz drinnen und draußen. Was man sich halt auf dem Land eher leisten kann, wo die Grundstückspreise noch im vernünftigen Rahmen liegen. Bei gleichem Budget bleibt dann einfach mehr fürs Häuschen übrig.

Offtopic:
Schon krass, wie schnell in den letzten Jahren alles ging. Gestern war man mit denselben Leuten noch feiern, die morgen auf einmal mit Haus und Kind(ern) ein Erwachsenen-Leben führen (das schließt uns logischerweise mit ein). Irgendwann kommt wahrscheinlich in jedem Bekanntenkreis diese Phase. Auffällig ist, dass es einen so großen Teil unserer Freunde zur gleichen Zeit betrifft. Doch mitnichten möchte ich mich darüber beschweren. Denn dadurch sind die Kinder später immer ungefähr im gleichen Alter, was für gemeinsame familiäre Aktivitäten theoretisch nur gut sein kann.

Jedenfalls tauschten wir uns lang und breit über unsere bisherigen Baby-Erfahrungen aus, während selbige in ihren Tragen schlummerten. Als sie wach wurden gab es zunächst Raubtier-Fütterung, bevor sie bäuchlings im Laufgitter Bekanntschaft schlossen, umgeben von allerhand Spielzeug. Vorsorglich habe ich den rot-weißen Knautschball mit dem Logo eines bayerischen Fußballclubs außer Greif- und Sichtweite von Baby Planlos verbannt. Zu Hause versuche ich mich regelmäßig an einer früh-kindlichen Gehirnwäsche mit einem baugleichen Arminia-Ball in schwarz-weiß-blau (sowie einem Plüsch-Maskottchen), um beim Baby eine Grund-Sympathie für den „geilsten Scheiß-Verein der Welt“ (Zitat Fanclub-Kumpel) zu etablieren.

Mit viel Glück wird aus ihr dann später vielleicht ein echter Berliner Armini, mit dem ich gemeinsam ins Stadion oder in die Fanclub-Kneipe gehen, oder fürs erste wenigstens zu Hause am TV die Spiele sehen kann.  Support gegen Mama Planlos‘ Anti-Fußball-Haltung könnte ich gut gebrauchen.
Das noch sehr fragile Fundament meines Plans darf nicht durch derartige Ablenkungen mit Utensilien anderer Clubs untergraben werden.

Die Höhle des Löwen

Anschließend ging es wieder ins Auto, weiter zu den nächsten Freunden. Diesmal nach Bad Iburg. Nach etwa einem Drittel der Strecke kamen Mama Planlos und ich jedoch zu dem Schluss, dass wir diesen Trip lieber nicht machen sollten. Skeptisch waren wir schon seit ein paar Tagen.
Nicht, weil wir keine Lust gehabt hätten. Im Gegenteil. Sondern, weil die beiden Kinder vor Ort seit Tagen gekränkelt haben. Der Große noch dazu mit hohem Fieber. Das war uns letztlich zu heikel, zumal Baby Planlos gerade endlich mal auf dem Weg der Besserung schien, nachdem sie ja seit nunmehr drei Monaten fast durchgehend krank war. Das Risiko wollten wir bei der aktuellen Grippewelle nicht eingehen.

Stattdessen machten wir kehrt und riefen Tante Planlos an, um ihre weitere Tagesplanung zu erfragen. Zur Freude der Frau waren sie und unser Neffe gerade auf dem Sprung zum Schwimmen. Dafür ist die Mutter ja immer zu haben. Das Baby hatte kein Stimmrecht und ich hatte jetzt auch nicht viel dagegen vorzubringen, außer dass wir keine Badesachen dabei hatten. Die konnten wir uns aber schnell bei meinen Eltern leihen, also war das Argument hinfällig. Und weil es in das Schwimmbad gehen sollte, in dem ich zuletzt als Kind gewesen bin, hatte ich schon ein wenig Bock. Allein aus Nostalgie-Gründen.

Die Kleine hatte sichtlich Spaß im Baby-Becken und ich konnte nach geschätzt 25 Jahren mal wieder die legendäre „Rutsche von Hausberge“ runter flitzen. Also ein Erlebnis für groß und klein.
Am Abend waren wir alle relativ kaputt und selbst die Frau und ich vor 9 Uhr im Bett.

Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt

Da die beiden Mamas sich und die Babys der jeweils anderen unbedingt sehen wollten, kam am Sonntag Vormittag die Freundin doch noch vorbei, zu der wir tags zuvor nicht gefahren sind. Ihrer Tochter ging es dem Vernehmen nach soweit ganz gut, bis auf etwas Schnupfen. Deshalb war Mama Planlos einverstanden, dass die beiden für einen kurzen Besuch vorbei kommen. (Bisher, einige Tage danach, ohne erkennbare Folgen für Baby Planlos, sprich neuerliche Krankheitserscheinungen sind noch keine festzustellen. Hoffentlich bleibt das so.)
Wie am Vortag war unser ansonsten meist sehr aufgeregtes und unruhiges Kind ziemlich entspannt, während es mit der Gleichaltrigen auf dem Wohnzimmerteppich herum lag. Die Mütter schmolzen gleich mehrfach dahin vor lauter Rührung.

Auch den restlichen Tag war Baby Planlos meist recht gechillt und meckerte weniger als sonst. Wie mehrfach schon erwähnt, ist das aber meist der Fall, wenn viele (vor allem neue) Leute um sie herum wuseln und sie im Mittelpunkt steht. So ließ sie sich bereitwillig von ihrer Tante und ihrer Oma bespaßen, verfolgte mit ihrem Blick aufmerksam und ruhig ihren Cousin und ließ sich nach dem Kaffetrinken sogar ohne Murren meiner fast 90-jährigen Tante auf den Schoß setzen. Dort saß schon meine Oma als Kind. Vier Generationen später nun dasselbe Bild. Das war schon klasse.

Wir machten anschließend noch einen kleinen Spaziergang durch die Nachbarschaft, bevor es langsam in die Vorbereitung auf die Rückfahrt ging. Unser großer Reisekoffer war schon wieder gepackt, als Baby Planlos ihren Brei zum Abend bekam. Die Fahrt zurück begann erst um halb 8, das war halt mit Abstand der günstigste Preis. Rückblickend betrachtet würden wir beim nächsten Mal sicherlich einen früheren Zug nehmen, auch wenn es etwas mehr kosten würde.
Eine Direktverbindung mit dem Zug gab es sowieso nicht. Und zwar den gesamten Sonntag nicht. Nachdem die Bahn 2006 den Halt in Oeynhausen für ICE vollständig gestrichen hat, wurde vor etwa einem Jahr auch der Halt für den IC stark eingeschränkt. Seitdem muss man für die Verbindung Richtung Berlin oft mindestens einmal umsteigen, entweder in Minden oder Hannover. Das ist immer nervig, war bisher aber immer kein größeres Problem. Mit Baby, besonders abends zur Schlafzeit, ist ein Umstieg grundsätzlich kacke.

ist der ruf erst ruiniert

Für unsere Fahrt hatte sich die Bahn dann noch ein weiteres Schmankerl überlegt. Der ICE, mit dem wir ab Hannover weiterfahren sollten, wurde einfach mal um die Hälfte gekürzt, angeblich „technische Probleme“.

So war die verbliebene Hälfte erstens natürlich voller als normal und zweitens war unsere Sitzplatzreservierung hinfällig, da unter anderem eben genau unser Waggon fehlte. Eine tolle Sache, die auch dadurch nicht besser wurde, dass wir die Reservierungskosten erstattet bekommen sollten. Eine darüber hinausgehende Entschädigung wäre eigentlich das Mindeste gewesen. Aber dass die Bahn es mit der Maxime, eine echte Alternative zu Auto und Flieger sein zu wollen, nicht wirklich ernst meint, sollte ohnehin jedem klar sein bei den Preisen, die ohne Rabatte (Spar-Preise) aufgerufen werden. Dazu noch die chronische Unpünktlichkeit ergänzt durch diverse weitere Probleme (Ausfälle, nicht funktionierende Anzeigen/Bordbistros/Klimaanlagen etc.), fertig ist der inkompetenteste Konzern Deutschlands. Aber ganz offenbar kümmert das dort auch keinen mehr, denn seit Jahrzehnten ändert sich daran genau: nichts.

Dass wir schließlich noch zwei Plätze im Familien-Abteil bekamen und das Baby quasi die gesamte Fahrt über durch schlief, machte die Situation nur bedingt besser. Die Sitze im ICE waren dermaßen unbequem, dass ich die gesamte Fahrt mit durchgestrecktem Rücken sitzen musste. Es ließ sich nicht mal die Lehne verstellen! Dazu kam die nicht vorhandene Beinfreiheit am voll besetzten 4er-Tisch. Das kommt halt dabei raus, wenn man Menschen über 1,80m (denn auch Mama Planlos saß alles andere als komfortabel) beim Produktdesign ignoriert und lieber für Zwerge plant. Das kennt man normalerweise hauptsächlich aus Flugzeugen.

Öffentliche Verkehrsmittel – Beispielbild

Dass wir den Anschluss an die S-Bahn am Gesundbrunnen um eine Minute verpasst haben und eine Ewigkeit in der Kälte warten durften, weil der ICE grundlos minutenlang am Hauptbahnhof rum gestanden hat: geschenkt. Danach lief es wenigstens reibungslos und wir waren nach ca. 4 Stunden (von Tür zu Tür) zu Hause. Die kamen uns aber vor wie mindestens 10. KO wie wir waren, fielen wir schnell ins Bett und ich hatte abermals zum Glück den Montag frei genommen und konnte mich ein wenig ausruhen. Mutter und Kind waren bei schönstem Frühlingswetter den halben Tag unterwegs, während ich mich zum Ostbahnhof begab um die Erstattung für die verfallene Reservierung einzufordern.

Es war ein sehr schönes Wochenende. Nicht alle Pläne klappten wie gedacht, aber am Ende war alles gut wie es war. Nur ob bzw. wie oft wir zukünftig nochmal die Bahn für diese Strecke nehmen werden, ließen wir erstmal offen. Ich denke, so lange Autofahrten für und mit Baby Planlos noch nicht gehen, wird es wohl oder übel dabei bleiben. Doch auf lange Sicht werden wir wahrscheinlich sowieso irgendwann wieder ein Auto haben, so dass sich das Problem dann auch erledigt haben dürfte.

 

2 Gedanken zu “Go West

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